Härtekunde
Warum ist der eine Stein weich wie Seife und der andere schneidet Glas? Und was sagt uns das — außer einer Zahl?
Härte ist kein Stoff, sondern ein Bau
Der schlagendste Beweis liegt in zwei Mineralen, die aus demselben Element bestehen:
Diamant und Graphit sind beide reiner Kohlenstoff, sonst nichts. Der eine ist der härteste natürliche Stoff überhaupt, der andere so weich, dass er sich beim Schreiben abträgt — Bleistiftminen bestehen daraus. Der Unterschied ist nicht das Material, sondern die Anordnung: Im Diamant hängt jedes Kohlenstoffatom in alle Richtungen gleich fest an vier Nachbarn. Im Graphit liegen die Atome in Blättern, die untereinander kaum zusammenhalten — die Blätter gleiten ab, und genau das hinterlässt den Strich auf dem Papier.
Härte misst also, wie schwer es fällt, Bindungen im Kristallgitter aufzureißen. Deshalb kann man sie nicht am Aussehen ablesen und deshalb sagt sie etwas über das Innere, das man sonst nicht sieht.
Der Mann, der Steine gegeneinander kratzte
Friedrich Mohs (1773–1839) war kein Theoretiker im Lehnstuhl. Er hatte in Halle Mathematik, Physik und Chemie studiert und an der Bergakademie Freiberg Mechanik dazugenommen; sein Lehrer dort war Abraham Gottlob Werner, der bedeutendste Mineraloge seiner Zeit. Danach ging Mohs in den Bergbau — 1801 wurde er Grubenvorarbeiter im Harz. 1802 rief ihn ein Wiener Bankier, um dessen Gesteinssammlung zu ordnen; 1812 wurde er Professor für Mineralogie am Joanneum in Graz, und dort entstand die Skala.
Sein Einfall ist von entwaffnender Schlichtheit: Härteres ritzt Weicheres. Man braucht dafür kein Gerät, keine Formel und keinen Strom — nur zwei Steine und eine ruhige Hand. Mohs suchte zehn Minerale, die jeder leicht bekommen konnte, ordnete sie nach diesem Kratztest und schrieb Zahlen daneben. Zweihundert Jahre später steht dieselbe Reihe in jedem Lehrbuch.
Der Haken: die Skala lügt über die Abstände
Die zehn Zahlen sehen aus wie ein Maß, sind aber nur eine Reihenfolge. Sie sagen, wer wen ritzt — nicht, um wie viel. Ein Stein mit Härte 8 ist nicht doppelt so hart wie einer mit 4, und Diamant nicht ein Zehntel härter als Korund.
Die Grafik lässt sich seitlich schieben.
Oben die Mohsskala, wie sie aussieht: zehn gleiche Stufen. Unten dieselben zehn Minerale in der Schleifhärte nach Rosiwal, die den wirklichen Aufwand misst — dargestellt auf einer gestauchten (logarithmischen) Achse, weil sonst außer Diamant nichts zu sehen wäre.
Die Zahlen dahinter sind entwaffnend: Von Korund (9) zu Diamant (10) ist ein Schritt auf der Skala — und der 140-fache Schleifaufwand in Wirklichkeit. Zwischen Talk (1) und Diamant (10) liegt nicht der Faktor zehn, sondern rund viereinhalb Millionen. Wer nur die Mohszahl kennt, unterschätzt das obere Ende der Skala völlig.
Die zehn Referenzminerale
| Mohs | Mineral | Rosiwal | Vickers HV | woran man es erkennt |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 0,03 | 2,4 | mit dem Fingernagel schabbar | |
| 2 | 1,25 | 36 | mit dem Fingernagel ritzbar | |
| 3 | 4,5 | 109 | mit einer Kupfermünze ritzbar | |
| 4 | 5 | 189 | mit dem Taschenmesser leicht ritzbar | |
| 5 | 6,5 | 536 | mit dem Taschenmesser noch ritzbar | |
| 6 | 37 | 795 | mit einer Stahlfeile ritzbar | |
| 7 | 120 | 1.120 | ritzt Fensterglas | |
| 8 | 175 | 1.427 | ritzt Quarz | |
| 9 | 1.000 | 2.060 | ritzt Topas — Rubin und Saphir | |
| 10 | 140.000 | 10.060 | nur von sich selbst ritzbar |
Rosiwal misst den Schleifaufwand, Vickers den Widerstand gegen eine eingedrückte Diamantpyramide. Beide sind echte Messwerte — die Mohszahl daneben ist eine Rangfolge. Quellenangabe unten.
Wie man es prüft — ohne und mit Labor
Im Gelände braucht es nichts als das, was man ohnehin dabeihat. Der Fingernagel kommt auf etwa 2,5, eine Kupfermünze auf 3,5, die Klinge eines Taschenmessers und gewöhnliches Fensterglas auf 5,5, eine Stahlfeile auf 6,5. Damit lässt sich jedes Mineral in ein Fach einsortieren, ohne es zu zerstören: Man ritzt an einer unauffälligen Stelle und sieht nach, wer Spuren hinterließ.
Die Grafik lässt sich seitlich schieben.
Ein verbreiteter Irrtum dabei: Wenn ein weicher Gegenstand über einen harten Stein fährt, bleibt oft ein Streifen zurück — das ist aber abgeriebenes Metall auf dem Stein, kein Kratzer im Stein. Mit dem Finger wegwischen, dann weiß man es.
Genau wird es erst im Labor, und dort misst man etwas anderes: Eine Diamantpyramide wird mit festgelegter Kraft in die Oberfläche gedrückt, und aus der Größe des bleibenden Eindrucks folgt der Härtewert (Vickers, nach DIN EN ISO 6507). Für spröde und sehr dünne Proben nimmt man eine flachere Pyramide, die weniger tief eindringt (Knoop). Wo es um Bruchteile eines Mikrometers geht, arbeitet man mit instrumentierter Eindringprüfung, die Kraft und Eindringtiefe fortlaufend mitschreibt — sie heißt seit 2003 Martenshärte und ist in EN ISO 14577 geregelt.
Ein Stein, zwei Härten
Härte ist nicht einmal innerhalb eines Kristalls überall gleich. Das deutlichste Beispiel führt seinen Namen deswegen:
Disthen, von griechisch dis sthenos — „zweifache Stärke“. Quer zur langen Achse liegt seine Härte bei 6 bis 7, längs dazu nur bei 4,5 bis 5,5. Ein und derselbe Kristall ritzt Glas in der einen Richtung und lässt sich in der anderen mit dem Messer anritzen.
Für Schleifer ist das ein Ärgernis — zusammen mit seiner vollkommenen Spaltbarkeit macht es ihn schwer zu bearbeiten, weshalb man ihn selten als Schmuckstein sieht. Für die Bestimmung ist es ein Geschenk: Kaum ein anderes Mineral verrät sich so eindeutig.
Macht Härte einen Stein wertvoller?
Nein — sie macht ihn haltbar. Das ist nicht dasselbe, und die Verwechslung ist verbreitet.
Es gibt allerdings eine Grenze, an der Härte praktisch wird, und sie liegt bei 7. Der Grund ist banal und liegt überall herum: Gewöhnlicher Staub enthält Quarzkörner, und Quarz hat Härte 7. Alles Weichere wird deshalb im täglichen Tragen mit der Zeit matt — nicht durch grobe Behandlung, sondern durch Wischen und Reiben. Deshalb sind
Korund, Topas und Quarzvarietäten die klassischen Ringsteine, während Weicheres eher an Kette oder Ohr sitzt, wo es nicht scheuert.
Mit dem Preis hat das wenig zu tun. Bernstein ist mit 2 bis 2,5 kaum härter als ein Fingernagel und trotzdem gesucht;
Pyrit ist mit 6 bis 6,5 recht hart und kostet fast nichts. Was einen Stein teuer macht, sind Seltenheit, Farbe, Reinheit und Nachfrage — Härte steht in dieser Liste nicht. Sie entscheidet nur, ob er das Getragenwerden übersteht.
Als grobe Einteilung gilt in der Steinkunde: bis Mohs 2 weich, 3 bis 5 mittelhart, ab 6 hart. Verwandt, aber etwas anderes ist die Zähigkeit — ein Diamant ist der härteste Stoff und zerspringt trotzdem, wenn man ihn richtig trifft.
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Alle Steine nach Härte
Von den 1660 Mineralarten mit belegter Härte sind hier die 60 ausgearbeiteten aufgeführt. Die übrigen 1600 stehen mit ihrem Wert auf ihrer eigenen Seite und im Verzeichnis — sie hier aufzuzählen ergäbe seitenweise Namen und keine Erkenntnis.
Mohs 1–2,5
Mohs 1
Mohs 1,5
Mohs 2–8
Mohs 2–4
Mohs 2
Mohs 2,3
Mohs 2,75
Mohs 3–3,5
Mohs 3,04
Mohs 3,25
Mohs 3,5
Mohs 3,5–4
Mohs 3,5–4,5
Mohs 3,75
Mohs 4
Mohs 4,5–7,5
Mohs 5–6
Mohs 5,5
Mohs 5,5–6,5
Mohs 6
Apatit
Hämatit
Magnetit
Mikroklin
Orthoklas
Pyrit
Sodalith
Mohs 6–7
Mohs 6–6,5
Mohs 6,3
Mohs 6,5
Mohs 6,75–7
Mohs 7
Amethyst
Bergkristall
Chalcedon
Citrin
Jaspis
Karneol
Onyx
Quarz
Rauchquarz
Rosenquarz
Tigerauge
Mohs 7,5
Mohs 7,6
Mohs 8
Mohs 9
Mohs 9–9,5
Mohs 10
Woher das hier stammt
Die Zahlenwerte der Skala (Mohs, Schleifhärte nach Rosiwal, Vickers) und die Lebensdaten von Friedrich Mohs sind am 20.08.2026 aus den Fachartikeln der deutschsprachigen Wikipedia zu Mohshärte, Härte, Friedrich Mohs und Disthen gemessen worden; die Tabelle dort stützt sich auf Graubner, Lexikon der Geologie, Minerale und Gesteine (1980), und Schumann. Der Rohtext liegt bei uns als Beleg — kein Satz dieser Seite stammt von dort. Die Härteangaben der einzelnen Steine kommen aus unserer eigenen Datenbank und tragen je Wert ihre Fundstelle (Quellen).