Spaltkunde
Warum lässt sich Glimmer in Blätter zerlegen und Steinsalz in Würfel — und warum zerspringt ausgerechnet der härteste Stoff der Welt, wenn man ihn richtig trifft?
Härte ist nicht Widerstandsfähigkeit
Die beiden Wörter werden im Alltag durcheinandergebracht, und der Unterschied ist teuer. Härte heißt: Womit lässt sich der Stein ritzen? Zähigkeit heißt: Wie viel Energie steckt man hinein, bevor er reißt? Das eine sagt über das andere nichts.
Die Grafik lässt sich seitlich schieben.
Diamant steht in dieser Zeichnung ganz rechts und trotzdem nur mittig in der Höhe: Er ist der härteste natürliche Stoff und lässt sich mit einem gezielten Schlag spalten. Genau das ist ein eigenes Handwerk — der Cullinan, mit 3.106,75 Karat der größte je gefundene Rohdiamant, wurde 1908 in Amsterdam von Joseph Asscher in 105 Teile gespalten, neun große und 96 kleine. Ein Fehlschlag hätte den Stein zerstört.
Umgekehrt
Nephrit: mit Härte 6 deutlich weicher als Quarz, aber so zäh, dass er kaum zu zerschlagen ist. Seine Fasern sind ineinander verfilzt, ein Riss findet keinen Weg. Deshalb wurden in der Jungsteinzeit Beile und Äxte daraus gefertigt und nicht aus dem härteren Quarz — und deshalb trug er im Deutschen lange den Namen Beilstein.
Spaltbarkeit: das Gitter hat Sollbruchstellen
Ein Kristall bricht nicht irgendwo. Wo die Bindungen zwischen zwei Ebenen des Gitters schwächer sind als innerhalb der Ebenen, gibt er genau dort nach — immer parallel zu derselben Ebene, so oft man will. Die Flächen, die dabei entstehen, sind über große Bereiche atomar glatt; deshalb spiegeln sie so auffällig, und deshalb erkennt man eine Spaltfläche schon am Glanz.
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Muskovit ist der Schulfall: Seine Spaltbarkeit ist sehr vollkommen, und die abgetrennten Blätter sind elastisch biegsam — man kann sie krümmen, und sie gehen zurück. Vor der Erfindung des Flachglases waren solche Blätter Fensterscheiben.
Calcit dagegen zerfällt beim Schlag in kleine schiefe Rhomboeder, und jedes Bruchstück ist wieder eines. Und
Topas zeigt, dass Spaltbarkeit nichts mit Weichheit zu tun hat: Härte 8, und in einer Richtung vollkommen spaltbar — ein Grund, warum er beim Fassen als heikel gilt.
Bruch: was passiert, wenn es keine Sollbruchstelle gibt
Hat ein Mineral keine bevorzugte Ebene, bricht es nach den Regeln der Mechanik, und die Bruchfläche bekommt eine eigene Handschrift. Die häufigste heißt muschelig: geschwungene, an Muschelschalen erinnernde Flächen mit feinen Ringen, wie man sie von zerbrochenem Flaschenglas kennt. Sie ist die Signatur von
Quarz und von Obsidian — und der Grund, warum die Steinzeit ihre Klingen aus genau diesen beiden schlug: Eine muschelige Bruchfläche endet in einer Schneide, die schärfer ist als jedes Metallmesser.
Daneben stehen in den Bestimmungstabellen uneben (rau, ohne Form), splittrig (faserige Minerale), hakig (gediegene Metalle, die sich beim Brechen ausziehen) und erdig (weiche, lockere Aggregate). Dazu kommt in derselben Spalte oft die Zähigkeitsangabe „spröde“ oder „biegsam“ — sie beschreibt nicht die Fläche, sondern das Verhalten davor.
Was das im Gelände wert ist
Spaltbarkeit und Bruch sind zusammen mit Strichfarbe und Härte die vier Größen, mit denen man ohne Labor weiterkommt (Härtekunde, Farbkunde). Sie haben einen Vorteil gegenüber der Farbe, der nicht zu überschätzen ist: Sie lassen sich nicht durch Beimengungen verfälschen. Ein Quarz kann violett, rosa, braun oder farblos sein — muschelig bricht er immer.
Die Kehrseite: Beide Prüfungen sind zerstörend. Wer an einem Fundstück die Spaltbarkeit prüft, hat ein Fundstück weniger. Deshalb probiert man sie an einer Kante, an einem Splitter oder gar nicht — und liest an der Vitrine lieber ab, was schon jemand anderes gemessen hat.
Was unsere Datenbank dazu sagt
Für 1.677 Minerale unseres Verzeichnisses ist die Spaltbarkeit belegt, für 1.228 der Bruch — jeweils aus der Infobox des Fachartikels gemessen. Bei den ausgearbeiteten Porträts sind es 42 beziehungsweise 43.
⚠ Und eine Eigenheit der Quelle, die man kennen sollte: Unter „Spaltbarkeit“ steht dort oft „fehlt“, „keine“ oder „nicht beobachtet“. Das sind drei verschiedene Aussagen — „keine“ heißt, das Mineral hat keine; „nicht beobachtet“ heißt, es hat sie vielleicht und niemand hat sie gesehen. Wir geben den Wortlaut weiter, statt ihn zu vereinheitlichen: Die Unschärfe gehört der Quelle, nicht uns.
Sehen
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Unsere Steine nach ihrer Bruchfläche
43 Porträtsteine tragen eine belegte Bruchangabe. Die Gruppen unten sind unsere Zusammenfassung des Wortlauts — in der Quelle steht oft mehreres zugleich („uneben bis muschelig; spröde“).
muschelig (34)
Aragonit
Azurit
Bernstein
Beryll
Calcit
Chalkopyrit
Chrysokoll
Diamant
Dolomit
Epidot
Fluorit
Galenit
Gips
Hämatit
Korund
Labradorit
Magnetit
Malachit
Mondstein
Obsidian
Opal
Orthoklas
Pyrit
Quarz
Rhodochrosit
Rhodonit
Saphir
Sodalith
Sphalerit
Spinell
Topas
Türkis
Zirkon
Zoisit
uneben (6)
Anhydrit
Baryt
Mikroklin
Muskovit
Prehnit
Talk
splittrig (2)
sonstige (1)
Woher das hier stammt
Die Angaben dieser Seite sind am 20.08.2026 an den Fachartikeln zu Spaltbarkeit, Zähigkeit, Muskovit, Nephrit und Cullinan-Diamant geprüft worden. Der Rohtext liegt bei uns als Beleg — kein Satz dieser Seite stammt von dort. Werte zu einzelnen Steinen kommen aus unserer eigenen Datenbank und tragen je Angabe ihre Fundstelle (Quellen). Die Zähigkeit in der Zeichnung ist eine Rangfolge und kein Messwert — eine genormte Zähigkeitsskala für Minerale gibt es nicht. Das steht auch in der Grafik selbst.