Alterskunde
Ein Stein aus dem Regal ist Millionen Jahre alt — das sagt jeder. Aber woher will das jemand wissen, und meint er überhaupt das, was man denkt?
Ein Stein hat nicht ein Alter, sondern mehrere
Das ist der Satz, an dem sich alles Weitere entscheidet. Wenn jemand sagt, ein Stein sei zwei Milliarden Jahre alt, kann er drei völlig verschiedene Dinge meinen: den Zeitpunkt, an dem der Kristall aus einer Schmelze oder Lösung gewachsen ist; das Alter des Gesteins, in dem er heute liegt; oder den Zeitpunkt, an dem er zuletzt so heiß war, dass seine innere Uhr zurückgestellt wurde. Diese drei Zahlen können weit auseinanderliegen.
Der schönste Beleg dafür ist zugleich der berühmteste Fund der Geologie. Die ältesten bekannten Minerale der Erde sind winzige Zirkonkörner aus den Jack Hills in Westaustralien, datiert auf rund 4.404 Millionen Jahre. Sie stecken in einem Sedimentgestein, das höchstens 3.050 Millionen Jahre alt ist. Der Kristall ist also anderthalb Milliarden Jahre älter als der Stein, in dem man ihn findet — er hat ein früheres Gestein überlebt, dessen Verwitterung, den Transport durch Wasser und die Einbettung in ein neues. Dasselbe gilt für den
Diamant: Die südafrikanischen Diamanten sind 1 bis 3,3 Milliarden Jahre alt und damit deutlich älter als der Kimberlit, der sie aus rund 150 Kilometer Tiefe an die Oberfläche getragen hat.
Die Uhr steckt im Kristall selbst
Radioaktive Kerne zerfallen mit einer Geschwindigkeit, die sich durch nichts beeinflussen lässt — nicht durch Hitze, nicht durch Druck, nicht durch die chemische Umgebung. Genau diese Sturheit macht sie zur Uhr. Baut ein Kristall beim Wachsen ein instabiles Nuklid ein, dann wandelt sich davon Jahr für Jahr ein berechenbarer Anteil in ein stabiles Endprodukt um. Wer beide Mengen misst, kennt die verstrichene Zeit.
Das Rechenbeispiel ist entwaffnend einfach: Enthielt der Kristall bei seiner Bildung kein Blei, misst man heute aber ein Verhältnis von einem Teil Uran zu drei Teilen Blei, dann ist von dem Uran genau ein Viertel übrig — es sind zwei Halbwertszeiten vergangen. Der ganze Aufwand steckt nicht in der Formel, sondern darin, sicherzustellen, dass in der Zwischenzeit nichts hinein- und nichts hinausgewandert ist.
Warum ausgerechnet Zirkon
Zirkon ist die beste Uhr, die die Natur gebaut hat, und zwar aus drei Gründen gleichzeitig. Er nimmt beim Wachsen bereitwillig Uran auf, weil dessen Ion gut auf den Platz des Zirkoniums passt. Blei dagegen weist er ab — was an Blei später darin steckt, ist also mit hoher Sicherheit aus dem Uran entstanden und nicht von Anfang an dabei gewesen. Und er ist außerordentlich zäh: Er übersteht Verwitterung, Transport und selbst hochgradige Umwandlung des umgebenden Gesteins, während ringsum alles andere zerfällt.
Dazu kommt ein Glücksfall der Physik, der in derselben Probe zwei voneinander unabhängige Uhren laufen lässt.
Die Grafik lässt sich seitlich schieben.
Uran-235 zerfällt zu Blei-207 mit einer Halbwertszeit von rund 700 Millionen Jahren, Uran-238 zu Blei-206 mit rund 4,5 Milliarden. Beide sitzen in demselben Korn. Kommen sie auf dasselbe Alter, stimmt die Messung; weichen sie voneinander ab, ist etwas passiert — dann hat der Kristall Blei verloren, und man sieht es, statt es zu übersehen. Das ist die eingebaute Gegenprobe.
Die Uhr lässt sich zurückstellen — und das ist kein Fehler
Ein Mineral hält seine Zerfallsprodukte nur fest, solange es kalt genug ist. Oberhalb einer bestimmten Temperatur entweichen sie, und die Uhr beginnt von vorn. Diese Grenze ist von Mineral zu Mineral verschieden: Bei der Kalium-Argon-Methode liegt sie für Glimmer bei etwa 125 °C, für Hornblende bei rund 450 °C.
Was zunächst wie eine Schwäche klingt, ist in Wahrheit ein zweites Messgerät. Man datiert damit nicht die Entstehung, sondern die letzte Abkühlung — und misst man mehrere Minerale desselben Gesteins mit verschiedenen Grenztemperaturen, bekommt man nicht einen Zeitpunkt, sondern eine Abkühlungsgeschichte. Man liest dann ab, wie schnell ein Gebirge herausgehoben wurde.
Das älteste Stück Erde — und warum die Zahl umstritten ist
Die Grafik lässt sich seitlich schieben.
Die Erde entstand vor 4.567,30 ± 0,16 Millionen Jahren. Diese erstaunlich genaue Zahl stammt nicht von der Erde selbst, sondern aus Meteoriten: Die ältesten Festkörper des Sonnensystems, calcium- und aluminiumreiche Einschlüsse in bestimmten Chondriten, lassen sich über das Bleiisotopenverhältnis datieren.
Das älteste bekannte Mineral ist der Jack-Hills-Zirkon mit 4.404 Millionen Jahren. Das älteste bekannte Gestein ist mit 4.031 Millionen Jahren der Acasta-Gneis im Kanadischen Schild. Zwischen beiden liegen fast 400 Millionen Jahre — von der Erde dieser Zeit ist außer einer Handvoll Körner nichts übrig geblieben.
Und die Zahl ist nicht unbestritten. Der Wert von 4.404 Millionen Jahren beruht auf einem Einzelfund. In der Fachliteratur werden die ältesten Zirkone deshalb inzwischen eher bei rund 4.350 Millionen Jahren geführt. Wir nennen beide Zahlen, weil das Vorsichtigere hier die Wahrheit ist — und weil eine gerundete Rekordzahl ohne Zweifel daran mehr verspricht, als sie halten kann.
Ein Nachsatz, der über die Geologie hinausgeht: In einem 4.100 Millionen Jahre alten Zirkon derselben Fundstelle wurde Kohlenstoff gefunden, dessen Isotopenverhältnis auf einen biologischen Ursprung hindeutet. Bestätigt ist das nicht. Wäre es richtig, dann läge in einem Sandkorn der älteste Hinweis auf Leben, den wir haben.
Was das für unsere Steinseiten heißt
Wir führen kein Altersfeld, und das ist Absicht. Ein Alter gilt nicht für eine Mineralart, sondern für ein einzelnes Vorkommen — Quarz ist an einer Stelle 3 Milliarden und an der nächsten 3 Millionen Jahre alt. Eine Spalte „Alter“ in einer Mineraltabelle wäre deshalb eine Erfindung mit dem Anschein einer Messung. Was wir stattdessen führen, ist die Bildungsart: magmatisch, metamorph, sedimentär, hydrothermal, pegmatitisch oder biogen. Sie sagt nicht, wann ein Stein entstand, aber sie sagt wie — und sie steht bei uns an 59 Steinen, jede am Fachartikel gemessen.
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Woher das hier stammt
Die Angaben dieser Seite sind am 20.08.2026 an den Fachartikeln zu Radiometrische Datierung, Uran-Blei-Datierung, Zirkon, Hadaikum und Jack Hills geprüft worden. Der Rohtext liegt bei uns als Beleg — kein Satz dieser Seite stammt von dort. Werte zu einzelnen Steinen kommen aus unserer eigenen Datenbank und tragen je Angabe ihre Fundstelle (Quellen). Die Zahl 4.404 ± 8 Millionen Jahre und der abweichende, vorsichtigere Wert von rund 4.350 Millionen Jahren stehen beide in derselben Quelle; wir nennen beide.